Eine Spontan-Remission ist ein Geschenk

 Man kann sie nicht „machen wollen“, aber man kann sich dafür öffnen, je mehr man lernt, seinem ureigensten Wesen zu entsprechen. Das sagt Jan S. (32)*, der sich nach jahrelanger Behandlung mit den klassischen medizinischen Therapien aufs Land zurückzog. In der Besinnung auf sich selbst und seine eigene Kraft erlebte er dort eine Spontanremission. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Ärzte ihm alle Hoffnung auf Heilung genommen. In unserem Interview erzählt der ehema­lige Student, wie die Krebserfahrung zum Wendepunkt in seinem Leben wurde.

Sie waren 25 Jahre alt und studierten Jura, als Sie an Lymphdrüsen-Krebs erkrankten. Traf die Diagnose Sie wie der berühmte „Blitz aus heiterem Himmel“ oder gab es vorher schon Warnsignale und Hinweise?

Es gab einschneidende Stressfaktoren in meinem Leben und ich habe mich so extrem unwohl gefühlt, daß der Krebs eigentlich so etwas wie eine logische Konsequenz war. Als ich dann die Diagnose hörte, war ich fast erleichtert. Ich hatte das Gefühl, zum ersten mal nach langer Zeit wieder klar denken zu können. Ich wusste, daß ich mir selbst nicht länger ausweichen konnte und mich genau anschauen mußte.

So scheinen es viele Betroffene zu empfinden. Können Sie beschreiben, wie es zu dieser ausweglos erscheinenden Situation kam? Wie haben Sie sich kurz vor der Diagnose gefühlt?

Ich fühlte mich innerlich ganz schwer, depressiv, auswegslos, hoffnungslos. So war es übrigens auch jedesmal, wenn ein Rezidiv auftrat. Der größte Stress kam wohl daher, daß ich geradezu zwanghaft bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse habe ich nicht beachtet, sie waren mir immer weniger bewußt. Meine Gefühle habe ich dabei verdrängt und kannte mich in mir selbst nicht mehr aus. Dieser Zustand ist mit einer Aussage von LeShan am treffendsten zu beschreiben: Hoffnungslo­sigkeit ist der Versuch, jemand anders zu sein als man ist. Wenn man immerzu versucht, den Bedürfnissen anderer zu entsprechen, verleugnet man sich selbst. Das erzeugt immensen Stress und macht krank. Heute fühle ich mich bedeutend wohler und lebe sehr viel klarer und bewusster. Früher war „Selbstverantwortung“ ein Fremdwort für mich und meine Lebensfreude war auf dem Nullpunkt. Jetzt habe ich den Kontakt zu meiner Lebensfreude wiedergefunden und lebe vor allen Dingen sehr viel selbstverantwortlicher. Natürlich ist die Krankheit nicht wünschenswert und die damit verbundenen Therapien sind sehr anstrengend und quälend. Aber die Botschaft, die dahintersteckt, die kann sehr viel Sinn machen, wenn man sie versteht und daraus lernt.

Sie haben eine Spontanremission erlebt, nachdem die Ärzte Ihnen erklärt hatten, daß Sie im medizinischen Sinne unheilbar sind. Wie kam es zu Ihrem Entschluss, alle weiteren herkömmlichen Therapien abzulehnen und sich aufs Land zurückzuziehen? Eine Entscheidung, die offensichtlich die große Wende in Ihrem Leben brachte.

Diagnostiziert wurde die Krankheit vor sieben Jahren und ich bekam die klassische medizinische Behandlung mit Chemo-und Strahlentherapie, wobei ich schlimme Nebenwirkungen bis hin zum Koma erlebte. Dann trat ziemlich früh ein Rezidiv auf, das mit einer Hochdosis-Chemo behandelt werden sollte. Da mein Blutbild sich noch nicht wieder normalisiert hatte, mußte vorher eine autologe Knochenmark-Transplantation durchgeführt werden. Das ist ein Verfahren, bei dem Blut­stammzellen aus dem Knochenmarkentnommen und nach der Behandlung dem Körper zurückgegeben werden. Sonst würden sämtliche Blutstammzellen im Knochenmark zerstört und der Körper wäre nicht mehr in der Lage, das eigene Immunsystem aufrechtzuerhalten. Die Behandlung war erfolgreich, aber sehr anstrengend und es hat lange gedauert, bis ich mich einigerma­ßen wieder erholt hatte. Zwei Jahre später bekam ich dann erneut ein Rezidiv. Ich wußte es, bevor die Arzte es mir sagten. Ich wußte eigentlich immer, wann der Krebs wieder aufgetreten war. Ich erkannte es am Körpergefühl. Es traten auch die gleichen Gedanken und Bilder und zum Teil auch Träume auf.

Können Sie diesen Zustand näher beschreiben? Wie erlebten Sie sich, was waren das für Bilder, was war das für ein Gefühl?

Es war so wie ein inneres Außer-sich-sein, ein Aufgelöstsein – das Gegenteil von zentriert sein, sich in seiner Mitte fühlen. Das Gefühl erinnert mich an die Einzeller-Theorie von Dr. Weber, daß der Körper sein archaisches Programm abruft. Das ist auch dieses Bild vom Aufgelöstsein, daß man kein inneres Zentrum mehr hat und sich in einzelne Bestandteile auflöst. Ich konnte dann keine Entspannung mehr finden und fühlte mich dem Alltag nicht mehr gewachsen. Jede Herausforderung wur­de zum bedrohlichen Stressfaktor. Es war dann auch so, daß ich jedes Zucken im Körper als Zeichen interpretierte, daß der Krebs wieder da war. Daß ich Angst hatte und keine Selbstvertrauen in mich und meine Abwehr. Angst, die sich teilweise bis zur Panik steigerte und vor allem von der Vorstellung hervorgerufen wurde, daß mein eigener Körper sich gegen mich wendet.

Wann haben Sie diese Situation zu­letzt erlebt?

Vor fast drei Jahren. Damals sagten die Ärzte mir, daß ich – im schulmedizinischen Sinne – unheilbar krebskrank sei und daß jetzt nur noch lebensverlängernde Behandlungen er­folgen könnten. Ich bin dann noch einmal bestrahlt worden. Doch kurz darauf bildeten sich an mehreren Stellen erneut Metastasen und ich wußte, es stand wirklich schlecht um mich. Was ich im Körper spürte, fühlte sich an wie der Tod. Es fühlte sich so an, als ob die Organe nach und nach ihre Funktion einstellten. Alles wurde schwer und hatte überhaupt keine Energie mehr. Natürlich hat kein Organ wirklich die Funktion eingestellt. Aber für mich war es eine innere Gewißheit, daß der Sterbeprozeß eingesetzt hatte – auch wenn es schulmedizinisch vielleicht nicht nachweisbar gewesen wäre.

In dieser Situation entschieden Sie sich, alle weiteren Behandlungen abzulehnen. Was stand hinter diesem Ent­schluss?

Die ganz klare innere Gewißheit, daß ich keine Chemotherapie mehr wollte. Ich wollte nicht künstlich von der Apparatemedizin am Leben erhalten werden und letzten Endes nur noch dahinsiechen. Ich hatte damals ein Angebot, aufs Land zu gehen und wollte in meinem Leben noch einmal etwas wirklich Sinnvolles machen, auch wenn ich sterbe oder bevor ich sterbe. Ich kann nicht sagen, woher diese innere Gewißheit kam. Ich hatte nie mit der inneren Weisheit visualisiert oder ähnliches. Die Bücher von Simonton hatte ich zwar gelesen, aber ich habe nie kontinuierlich danach gearbeitet und mich auch nie entsprechend verhalten. Ich hatte eben nie alles darangesetzt, um zu gesunden, ich habe sehr viel dazu getan, krankzubleiben und habe sogar weiter geraucht. Damals hatte ich eben die Vorstellung, daß ich mich von der Schulmedizin reparieren lasse, wenn der Krebs wiederkommt. Jetzt wußte ich, daß das nicht mehr funktionierte, weil das, was ich gefühlt hatte, nicht nur Krebs war, sondern wirklich etwas wie ein Sterbeprozeß. Aus diesem Erleben heraus hat sich dann ein innerer Widerstand in meinem Geist geregt gegen das, was im Körper ablief.

Dieser Zeitpunkt, als die Ärzte Ihnen jede Hoffnung auf Heilung genommen hatten und Sie schon den Beginn des eigenen Sterbens zu spüren glaubten, war also der Augen­blick der Umkehr. Sie haben sich darauf besonnen, was Sie selbst in dieser Situation noch tun konnten. Wenige Monate später waren Sie krebsfrei und sind es bis heute. Was ist geschehen?

Auf jeden Fall ist damals so etwas wie eine Selbstheilungskraft aktiviert worden. Ich glaube, es begann damit, daß ich noch einmal etwas Sinnvolles tun wollte, anstatt mich an den Tropf hängen zu lassen. Ich machte ein Praktikum im Biologischen Gärtnern in der Nähe von München. Dazu braucht man Kraft, und es hat mir sehr geholfen, mich auf meine Kraft zu besinnen. Ich habe wie wahnsinnig Unkraut gejätet und gehackt. Dabei habe ich meine Kraft gespürt und eine tiefe Naturverbundenheit. Dann ging es eigentlich sehr schnell und ich habe nach kurzer Zeit so etwas wie Hoffnung gefühlt und diese Hoffnung wurde bald darauf zur inneren Gewißheit. Gewißheit, daß ich tatsächlich die Chance habe, noch einmal wieder zu genesen. Und aus der inneren Gewißheit wurde wenigspäter medizinisch belegte Realität. Daswar dann ein so tiefes Glückserleben, das läßt sich in Worten kaum beschreiben.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine wundervolle Geschichte die Mut und Hoffnung macht. Waren Sie in dieser Zeit unter ärztlicher Aufsicht?

Ich war zunächst ein halbes Jahr in Bayern und nicht in ärztlicher Behandlung. Aber der Betrieb, in dem ich gearbeitet habe, versorgt ein Seminar-Zentrum mit frischem Gemüse. So kam es, daß ich an einem Seminar teilnahm unter dem Motto „Krankheit als Chance“. Das ist das Beste, was ich je gemacht habe. Wenn Sie so wollen, war es eine Art innere Führung, die mich dazu brachte, mich in diesem Betrieb zu bewerben und so auf das Seminar und auf diese Menschen zu treffen.

Was hat dieses Seminar in Ihnen verändert?

Es hat mein ganzes Lebensgefühl verändert und es hat mich dahin geführt, klarer zu sehen, was die gewissen Elemente sind, die-psychologisch gesehen-dazu tendieren, krank zu sein. Es war ein Selbsterkenntnisschub, der stattgefunden hat, näher möchte ich darauf nicht eingehen. Es ist ein innerer Ruck durch mich hindurchgegangen, gerade so, als ob alles gewendet werden will. Dann waren nach kurzer Zeit die Symptome

verschwunden, die Knötchen, die ich vorher ertasten konnte, waren weg und ich wusste genau, daß auch die inneren verschwunden waren, im doppelten Sinne. Symptomfrei war ich früher auch gewesen, in den Zeiten zwischen den Rezidiven. Aber ich habe mich immer vom Krebs betroffen gefühlt, wenn ich etwas gelesen oder gehört habe, ich habe mich nie frei davon gefühlt. Das war diesmal ganz anders. Krebs war einfach kein Thema mehr für mich. Ich kann zwar nicht sagen, daß ich nie wieder krebskrank werde, daß kann niemand. Aber ich weiß jetzt, daß es zum großen Teil an mir liegt, ob der Krebs wiederkommt oder nicht.

Sie sagen das so bestimmt. Was gibt Ihnen diese Sicherheit?

Ich kann jetzt ganz klar unterscheiden, was mir nützt und was mir schadet. Und ich habe gelernt, daß Krankheit entsteht, wenn man zuviel von dem macht, was einem schadet und womit man sich schlecht fühlt und zu wenig von dem, was einem nützt und

womit man sich gut fühlt. Dabei kann ich im Grunde intellektuell genau identifizieren, was mir schadet: Ungesundes Essen, ungesunde Gedanken, Rauchen, zu wenig Bewegung, zu wenig frische Luft, ungesunde Kontakte bis hin zu gewissen Fernseh­programmen usw. Ob ich mich dann immer entsprechend verhalte, ist eine andere Sache. Aber auch hier geht es um Selbstvertrauen und Wohlgefühl. Die Angst vor einem Rückfall und ein schlechtes Gewissen nach einer kleinen Sünde sind oft schädlicher als die Sünde selbst. Ich habe auch wieder Zugang dazu gefunden, mich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen. Ich habe angefangen, mich für Buddhismus zu interessieren und zu meditieren. Ich habe eine neue Orientierung und neue Wertmaßstäbe gefunden. Weg vom Konsum- und Leistungs­denken, beschäftige ich mich jetzt mehr mit der Frage, wie ich mein Leben sinnvoll gestalte, was ich für mich selbst tun kann. Auf jeden Fall will ich eine sinnvolle Arbeit machen, bei der es nicht darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen. Gartenarbeit macht Sinn, weil sie Nahrung schafft und ist darüber hinaus auch sehr sinnnlich. Ich weiß heute, was ich für mich tun kann, auch wenn es Phasen gibt, in denen ich mich etwas vernachläsige. Regelmäßige Meditation tut mir gut und das Lesen bestimmter Literatur, die Beschäftigung mit spirituellen Din­gen, Tagebuch-Schreiben, Yoga. Ich achte auf gute und vollwer­tige Ernährung und viel Bewegung in frischer Luft. Aber am wichtigsten ist wohl eine geänderte Einstellung zu den Heraus­forderungen des Lebens. Ich glaube, es kommt gar nicht darauf an, soviel in seinem Leben zu ändern, sondern die Einstellung zu überprüfen. Ein Perspektivwandel ist wichtiger, als plötzlich alles anders zu machen.

Sie sagten, daß Sie heute sehr viel zufriedener und bewusster als vordem Ausbruch der Krankheit leben. Haben Sie einen Rat, eine Botschaft für uns? Was kann ich tun, um gesund zu sein und zu bleiben?

Eine Spontanremission kann man nicht machen, man kann einiges dazu tun, um sich dafür zu öffnen, oberes ist ein Irrglaube, daß man sie machen oder erzwingen kann. Es ist eine Gnade, woher sie auch immer kommen mag. Gnade heißt ja auch soviel wie unverdientes Geschenk. Das mußte ich auch lernen, daß ich mir diese Gnade nicht verdienen kann, sondern mich dafür öffnen, in dem ich soweit wie möglich meinem eigenen Wesen entspreche. Im Vergleich zu anderen, die von Beginn ihrer Erkrankung an alles mögliche für ihre Gesundheit tun, die viel bewusster und intelligenter sind als ich und die trotzdem nicht gesunden, habe ich eher wenig getan. Als mir dann diese Gnade zuteil wurde, konnte ich es zunächst nicht annehmen, weil ich immer noch glaubte, mir alles erst verdienen zu müssen. Aber eine Gnade kann man sich eben nicht verdienen, das stürzte mich zunächst mal in einen unwahrscheinlich tiefen Konflikt, der gelöst werden mußte. Dieses alte, kranke Muster wurde mir noch einmal sehr bewußt, daß ich mir nichts verdienen konnte, was mir geschenkt worden ist. Eine Spontanremission ist wie ein Ruck, der durch den ganzen Körper geht. Als wenn der Körper signalisiert, daß er zur Heilung bereit ist, zu einer tiefergehenden Heilung auch der Psyche und des Geistes. Aber damit ist die Heilung nicht abgeschlossen, es ist erst der Beginn eines Heilungsprozesses. Ich weiß, daß ich eingefleischte Muster nicht von heute auf morgen einfach abschütteln kann. Aber es hat sich schon viel für mich geklärt und ich bleibe auf diesem Weg, auch wenn es manchmal harte Arbeit ist, alte Gewohnheiten und krank machende Muster abzulegen.

Das Gespräch führte Brigitte Rabe

*(Name von der Red. geändert)

 

 

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